WIE TREU IST TREU?

Bild mit KI gestaltet

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Vierzehn Gin Tonics. So viele braucht es offenbar, damit die Frage nach der Treue etwas komplizierter wird. Zumindest brachte Christian sie ins Spiel, als ich ihn fragte, wie wichtig Treue in einer Beziehung sei.

Sehr wichtig, fand er. Allerdings müsse man zunächst definieren, was Treue überhaupt bedeute. Ob ein One-Night-Stand nach vierzehn Gin Tonics genauso schlimm sei wie eine Affäre, wollte er wissen.

Ich musste lachen. Nicht wegen der Untreue, sondern wegen der vierzehn Gin Tonics. Nach einer solchen Menge hätte ich vermutlich ganz andere Probleme als die Frage, mit wem ich die Nacht verbringe.

Christian war einer von zwanzig Menschen, denen ich für mein Buch Das Interview deines Lebens dieselben fünfzig Fragen gestellt hatte. Eine davon lautete: Wie wichtig ist Treue in einer Beziehung?

Die Antworten haben mich überrascht. Zunächst waren sich alle erstaunlich einig. Treue sei wichtig, Vertrauen unverzichtbar, Ehrlichkeit selbstverständlich. So weit, so beruhigend. Erst als die Menschen begannen, von ihrem eigenen Leben zu erzählen, wurde es interessant.

Carla beispielsweise war überzeugt, dass Untreue lange vor dem ersten Kuss beginnt. Die Seele gehe voraus, der Körper folge ihr nur. Ein bemerkenswerter Gedanke. Demnach könnte man längst untreu sein, während man noch vollkommen anständig neben seinem Partner auf dem Sofa sitzt. Vielleicht sogar gemeinsam eine Serie schaut. Nur dass einer gedanklich längst in einer anderen Staffel unterwegs ist.

Christian hingegen betrachtete die Sache etwas pragmatischer. Für ihn war entscheidend, welche Regeln ein Paar miteinander vereinbart. Schließlich müssten zwanzig oder dreißig gemeinsame Jahre doch mehr wiegen als ein einmaliger Seitensprung.

Ich konnte seinen Gedanken durchaus nachvollziehen. Eine lange Beziehung besteht schließlich aus mehr als einer einzigen Nacht. Allerdings hätte ich ihn gerne gefragt, ob die vierzehn Gin Tonics auch dann als mildernde Umstände gelten würden, wenn seine Partnerin sie getrunken hätte.

Und dann war da Jonathan. Achtundachtzig Jahre alt, Journalist, ein Mann mit einem langen, bewegten Leben. Er machte aus seinen Seitensprüngen kein Geheimnis. Jedenfalls nicht mir gegenüber. Seine Partnerinnen hätten allerdings nie davon erfahren, erzählte er. Er habe stets darauf geachtet.
Und obwohl er zwei seiner Ehefrauen verlassen hatte, habe er sie finanziell nie im Stich gelassen. Auch das sei für ihn eine Form von Treue.

Ich gebe zu, diese Definition hat mich beschäftigt. Kann man einem Menschen treu bleiben, indem man für ihn sorgt, während man ihn gleichzeitig betrügt? Ist es Rücksichtnahme, jemanden vor einer schmerzhaften Wahrheit zu bewahren? Oder bewahren wir damit vor allem uns selbst vor den Konsequenzen?

Im Nachhinein hätte ich Jonathan gerne noch eine Frage gestellt: Ob er dieselbe Form von Treue auch seiner Partnerin zugestanden hätte.

Nora wiederum erklärte, Treue sei für sie sehr wichtig. Dann erzählte sie mir von ihrer eigenen Affäre. Von Einsamkeit, Verzweiflung und einer Ehe, die durch den Alkoholismus ihres Mannes schon lange nicht mehr funktionierte. Sie hatte ihn verlassen wollen, aber nicht den Mut dazu gefunden.

Ihre Geschichte klang ganz anders als Jonathans. Da war keine großzügige Auslegung des Treuebegriffs. Keine neue Definition, mit der sich das eigene Verhalten vielleicht noch vereinbaren ließ. Nora sprach von einer Rolle, in der sie sich selbst nicht wiedererkennen wollte.

Dabei hatten beide dasselbe getan: Sie waren untreu gewesen. Nur während Jonathan mir erklärte, auf welche Weise er dennoch treu geblieben sei, erzählte Nora davon, wie schwer es ihr fiel, mit ihrer Untreue zu leben.

Ich hörte mir die Gespräche später immer wieder an. Und irgendwann fiel mir auf, dass mich weniger die Seitensprünge beschäftigten als die Erklärungen dafür. Wie unterschiedlich Menschen doch mit ihren eigenen Widersprüchen umgehen. Bei anderen erkennen wir einen Vertrauensbruch. Bei uns selbst entdecken wir plötzlich eine schwierige Lebensphase, unerfüllte Bedürfnisse oder besondere Umstände, die man doch bitte berücksichtigen müsse. Und manchmal haben wir damit sogar recht.

Denn natürlich ist das Leben komplizierter als ein Treueversprechen. Menschen verändern sich, Beziehungen geraten in Krisen, Gefühle lassen sich nicht immer klar sortieren. Nur wo endet das Verständnis für menschliche Schwächen und wo beginnt die bequeme Rechtfertigung?

Einige Männer in meinen Interviews beschäftigten sich ausführlich mit der Frage, wie Treue zu definieren sei und welche Ausnahmen vielleicht möglich wären. Manche Frauen sprachen unmittelbarer über die emotionale Bedeutung von Untreue.

Aber dann kam Andreas. Für ihn gab es kaum etwas Schlimmeres als die Vorstellung, seine Partnerin verliebt und händchenhaltend mit einem anderen Mann zu sehen. Kein Sex. Kein heimliches Hotelzimmer. Zwei Menschen, die sich an den Händen halten. Und plötzlich war ich wieder bei Carla und ihrer Überzeugung, dass die Seele lange vor dem Körper untreu wird.

Und ich fragte mich, ob die Unterschiede überhaupt zwischen Frauen und Männern verlaufen. Oder vielmehr zwischen dem, was wir uns selbst zugestehen, und dem, was wir bei einem anderen Menschen aushalten könnten.

Wir versprechen uns Treue, als wäre damit alles gesagt. Dabei haben wir möglicherweise noch nicht einmal darüber gesprochen, was wir darunter verstehen.

Ich hätte vor diesen Gesprächen vermutlich auch gesagt, dass Treue für mich selbstverständlich sei. Eine schöne, klare Antwort. Praktischerweise so lange, bis das Leben beschließt, eine schwierigere Frage zu stellen. Und dann?

Würden wir für unseren Partner dieselben Erklärungen gelten lassen, mit denen wir uns selbst entschuldigen?

Vielleicht beginnt Untreue nicht erst dort, wo etwas passiert.

Vielleicht beginnt sie schon dort, wo wir für uns selbst eine Ausnahme machen.

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