DIE ZWEI LEEREN STÜHLE

Es war auf Sizilien, an einem dieser langen Abende, an denen man nicht mehr weiß, wo das Essen aufhört und das Leben anfängt.

Wir gingen an einem Tisch vorbei, an dem schon einige Leute saßen. Ein Paar, nicht mehr jung, mittendrin. Und als wir vorbeikamen, sahen die beiden uns an, freundlich, als hätten sie uns erwartet.

Dann zeigten sie auf die zwei leeren Stühle neben sich. Setzt euch doch. Wir setzten uns.

Und an diesem Abend hörten wir eine wunderbare Geschichte. Aber geblieben ist mir etwas anderes. Nicht die Geschichte. Nicht das Essen. Nicht einmal dieser südliche Himmel, der alles aussehen lässt, als hätte das Leben gerade bessere Absichten.

Geblieben ist mir die Geste. Die Selbstverständlichkeit, mit der zwei Menschen Platz machten für zwei, die sie nicht kannten. Ich musste den ganzen Abend daran denken.

Denn meistens ist es doch umgekehrt. Je voller das eigene Leben wird, desto enger ziehen wir die Kreise. Wir haben unsere Menschen, unsere Pläne, unsere Art, den Abend zu verbringen. Und wer nicht dazugehört, bleibt eben stehen.

Diese beiden machten es anders. Sie hatten einander. Das sah man. Und trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb, hatten sie noch zwei Stühle übrig. Für wen auch immer vorbeikäme.

Das ist die eigentliche Kunst. Nicht jemanden so fest zu halten, dass nichts mehr dazwischenpasst. Sondern noch Platz zu haben, obwohl man einander längst gefunden hat.

Nähe wurde an diesem Tisch nicht weniger, nur weil zwei Fremde dazukamen. Der Tisch wurde nicht voller. Er wurde größer.

Ich habe die beiden nie wiedergesehen. Aber manchmal sind es genau solche Begegnungen, die bleiben. Zwei Fremde, zwei leere Stühle, ein Abend.

Und danach ist das Leben ein kleines Stück reicher als vorher.

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