Bild mit KI gestaltet
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Dieses Jahr hat offenbar beschlossen, mein Leben als Testgelände zu benutzen. Einmal alles, bitte.
Berufliche Unsicherheit? Check.
Zahnarztgeschichten? Check.
Baustellen rund ums Haus, bei denen ich inzwischen Fachbegriffe benutze, die ich vor einem Jahr nicht einmal hätte buchstabieren können? Check.
Finanzielle Überraschungen, auf die ich liebend gern verzichtet hätte? Aber natürlich.
Das Merkwürdige ist nur: Je entschlossener dieses Jahr versucht, mich aus der Fassung zu bringen, desto ruhiger werde ich. Nicht immer, ich bin schließlich immer noch ich. Aber erstaunlich oft.
Vor ein paar Tagen fiel mir eine Affirmationskarte von Dr. Carmen Mayer in die Hände. Und ausgerechnet dieser Satz blieb hängen: Geld darf gehen, denn es kommt vielfach zurück.
Ein Satz, den man besser nicht direkt vor einem Stadtbummel liest. Meine Kreditkarte hätte ihn als persönliche Einladung verstanden.
Mich beschäftigte daran allerdings weniger das Geld als dieses kleine, unscheinbare Wort: darf.
Etwas darf schiefgehen. Ein Plan darf platzen. Eine Rechnung darf höher ausfallen als gedacht, ein Mensch darf anders reagieren, als ich es mir gewünscht hätte. Mein Leben darf an einer Stelle vollkommen ungeklärt sein, während es an einer anderen gerade wunderschön ist.
Das war lange nicht meine Vorstellung vom Leben. Ich hatte eine Liste: Beziehung gut, Kinder glücklich, Beruf erfolgreich, Konto beruhigend, Gesundheit stabil, Wohnung schön, Zukunft geklärt. Erst wenn alles abgehakt wäre, dürfte ich mich entspannen. Eine Art Wellness-Wochenende für die Seele, gebucht für den Tag, an dem nichts mehr fehlt.
Dieser Tag kam nie.
Und während ich auf ihn wartete, behandelte ich das Gute, das längst da war, wie eine nette Zwischenstation. Schön, ja. Aber bitte nicht jetzt, ich habe Probleme.
Ich konnte mich hervorragend um Dinge sorgen, die noch gar nicht eingetreten waren. Ich habe sie sogar vorsorglich gelöst. Man weiß ja nie.
Heute denke ich: Stimmt. Man weiß es tatsächlich nie. Und genau deshalb könnte man bis dahin auch einen schönen Tag haben.
Angst kann aus erstaunlich wenig ziemlich viel machen. Sie macht aus einer Rechnung eine Existenzfrage, aus einer Absage ein Urteil und aus einer offenen Zukunft eine Katastrophe, die offenbar schon stattgefunden hat. Und irgendwann beschäftigen wir uns gar nicht mehr mit dem eigentlichen Problem, sondern mit fünf weiteren, die noch nicht einmal existieren.
Und genau da liegt wohl die größte Veränderung dieses Jahres: Ich kann verreisen, obwohl meine berufliche Zukunft vollkommen offen ist. Ich kann mit meinen Kindern lachen, obwohl unsere Familiengeschichte ein paar Kapitel hat, die ich heute anders schreiben würde. Ich kann an einen Ort zurückkehren, der einmal mein Zuhause war, und mich einfach freuen, ohne die alte Wehmut gleich mit auszupacken. Ich kann mit meinem Freund am Wasser sitzen, ein Glas Wein in der Hand, und denken: Gerade ist alles gut.
Nicht alles. Aber gerade.
Früher hätte ich diesem Moment sofort eine Fußnote verpasst: Ja, aber … Heute lasse ich das Aber weg. Und das Verblüffende ist: Es wird dadurch nichts schlimmer. Ich löse Probleme sogar besser, seit ich aufgehört habe, mich vor ihnen zu fürchten.
Gelassenheit ist dabei keine Passivität. Ich sitze nicht auf dem Sofa und warte darauf, dass das Universum die Versicherung anruft. Ich rufe selbst an, mehrfach, wenn es sein muss. Ich schreibe Mails, hake nach, widerspreche, entscheide. Nur eben nicht mehr mit dem Gefühl, dass mein ganzes Leben davon abhängt, ob diese eine Sache jetzt sofort gut ausgeht.
Und ja, ich rege mich trotzdem auf. Manchmal flippe ich aus. Manchmal bin ich ungerecht und merke fünf Minuten später: Das war jetzt vielleicht ein bisschen viel. Dann entschuldige ich mich. Und lebe weiter.
Früher wollte ich möglichst wenig Angriffsfläche bieten. Alles richtig machen, kontrolliert reagieren, souverän wirken. Eine Frau wie ein Wohnzimmer aus dem Einrichtungsmagazin: makellos, geschmackvoll und keiner traut sich, Platz zu nehmen.
Und ich frage mich: Was, wenn Souveränität gar nicht bedeutet, keine Flecken auf dem Sofa zu haben? Was, wenn sie bedeutet, trotzdem Platz zu nehmen?
Perfektion lebt nicht. Das gilt für Wohnzimmer. Und es gilt für Menschen.
Die Baustelle ist noch da, die Zukunft offen, und irgendwo liegt bestimmt schon die nächste Rechnung im Briefkasten.
Geld darf gehen. Ob es vielfach zurückkommt?
Man weiß ja nie.
