ALLES BESTENS

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Gesellschaftlich brillant, in Beziehungen manchmal eine Katastrophe

Diplomatie ist eine großartige Erfindung. Sie verhindert Kriege, rettet Geschäftsessen und bringt uns durch Weihnachtsfeiern. Nur in der Liebe richtet sie gelegentlich erstaunlichen Schaden an.

Denn dort sagen wir Dinge wie:

Alles bestens.
Mach dir keinen Kopf.
Nein, wirklich, kein Problem.

Und hoffen gleichzeitig, dass der andere unsere Gedanken lesen kann.

Ich beherrsche diese Sprache übrigens ziemlich gut. Wenn ich sage: Alles bestens, kann das vieles bedeuten.

Zum Beispiel: Alles bestens.
Oder: Ich bin leicht genervt, möchte aber gerade nicht darüber reden.
Oder: Es ist überhaupt nichts bestens, aber ich möchte, dass du von selbst darauf kommst.

Die letzte Variante liegt mir besonders. Sie verbindet maximale Unklarheit mit erstaunlich hohen Erwartungen.

Wir wollen schließlich nicht schwierig sein. Nicht empfindlich. Nicht die Frau, die wegen einer Kleinigkeit eine Grundsatzdiskussion eröffnet. Also sagen wir nichts. Oder genauer: Wir sagen sehr viel. Nur nicht das, was wir meinen.

Schon gut.
Ist nicht so wichtig.
Lass mal.

Und irgendwann sitzen zwei erwachsene Menschen an einem Tisch, von denen einer überzeugt ist, alles sei bestens, während der andere innerlich längst die Beweisaufnahme eröffnet hat.

Außerhalb der Liebe kämen wir mit dieser Methode erstaunlich schlecht durch. Im Beruf benennen wir Erwartungen, wir fragen nach, wir vereinbaren, wer bis wann was tut. Niemand käme auf die Idee, eine Kollegin schweigend prüfen zu lassen, ob sie von selbst errät, was in der Präsentation fehlt.

Nur in Beziehungen hält sich hartnäckig eine andere Überzeugung: echte Nähe müsse sich am Nichtgesagten beweisen.

Wenn du mich wirklich kennen würdest, müsstest du das doch wissen.

Und plötzlich ist aus einem Gespräch eine Prüfung geworden.

Eine ohne Aufgabenstellung, ohne Termin und ohne Hinweis darauf, worum es eigentlich geht. Der andere schreibt ein Examen, von dem er nicht weiß, dass es stattfindet – und wir korrigieren im Stillen mit.

Ein falsches Wort, ein übersehener Blick, ein zu beiläufiges Alles okay?: durchgefallen.

Solche Tests haben, wie man sich denken kann, eine überschaubare Erfolgsquote.

Und doch halten wir daran fest. Weil dahinter eine ziemlich verständliche Hoffnung steht: Was der andere von selbst tut, zählt mehr. Ein Blumenstrauß ist schöner, wenn er ungefragt kommt. Eine Umarmung wertvoller, wenn wir nicht darum bitten mussten. Ein Wie war dein Tag?, das wirklich gemeint ist und nicht bestellt.

Verstehe ich. Ich finde es auch schöner, wenn jemand von selbst an mich denkt. Nur wird aus diesem Wunsch irgendwann eine ziemlich unlösbare Aufgabe:
Ich sage dir nicht, was ich brauche – damit ich prüfen kann, ob du von selbst darauf kommst.

Und selbst wenn der andere richtig rät, ist das Problem nicht gelöst. Nächste Woche wartet schon die nächste Prüfung. Andere Fragen, dieselbe fehlende Aufgabenstellung.

Vielleicht ist der mutigere Schritt deshalb nicht, die Prüfung leichter zu machen. Sondern sie abzusagen.

Nicht, weil Ehrlichkeit einfacher wäre. Das hat mich verletzt über die Lippen zu bringen, ist deutlich anstrengender als ein gekränktes Alles bestens, hinter dem man sich noch eine Weile ganz komfortabel verschanzen kann.

Ehrlichkeit klingt weniger souverän. Man steht damit sichtbarer da. Aber sie hat einen entscheidenden Vorteil: Der andere kann endlich wissen, worum es geht. 

Alles bestens bleibt trotzdem ein wunderbarer Satz. 

Vor allem dann, wenn er kein Test ist. Sondern einfach stimmt.

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