FOKUS – WIE VIEL DARF AUS DEM BILD FALLEN?

Bild mit KI gestaltet

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Neulich wollte ich ein Foto von meinen Blumen machen. Auf dem Tisch lagen außerdem eine Rechnung, eine Lesebrille und ein Stück Brot, von dem ich offenbar irgendwann beschlossen hatte, dass es noch eine Zukunft hatte. Ich tippte auf dem Display auf die Blüten. Sofort wurde der Rest unscharf.

Eine ausgesprochen elegante Lösung. Ich fragte mich, ob es diese Funktion auch für Montagmorgen gab.

Fokus, heißt es, sei entscheidend. Man müsse wissen, was man wolle. Prioritäten setzen. Sich nicht verzetteln. Und spätestens in unserem Alter sollte man doch wohl Wichtiges von Unwichtigem unterscheiden können.

Ich kann das inzwischen ziemlich gut. Leider gehört manches zu beidem.

Ein langes Telefonat mit einer Freundin etwa. Für die Steuererklärung vollkommen bedeutungslos. Für den Zustand, in dem ich mich anschließend an sie setze, möglicherweise entscheidend.

Mit Mitte zwanzig hatte ich geglaubt, mein Leben würde mit den Jahren übersichtlicher werden. Irgendwann wären die großen Fragen beantwortet, der Kleiderschrank vernünftig zusammengestellt und ich eine Frau, die nur noch Dinge kaufte, die zu ihr passten.

Heute besitze ich eine Lesebrille, die ich regelmäßig suche, während ich sie trage. Bei den großen Fragen ist die Entwicklung ähnlich.

Einige haben sich erledigt. Andere kamen hinzu, ohne vorher zu fragen, ob noch Platz sei. Wie möchte ich arbeiten? Mit wem möchte ich leben? Was fange ich mit einer Freiheit an, die ich mir früher sehnlich gewünscht habe und die jetzt gelegentlich etwas unmöbliert wirkt?

Dass man sich da konzentrieren möchte, ist verständlich. Es kann schließlich nicht alles gleichzeitig wichtig sein.

Nur: Was darf weg?

Wir Frauen sind darin geübt, Platz zu schaffen. Im Kalender, auf dem Küchentisch, im eigenen Bett, wenn ein kleines Kind nachts schlecht geträumt hat. Wir haben Termine verschoben, Wünsche vertagt und gelernt, dass sich vieles auch noch später machen lässt.

Der Tanzkurs. Die Reise mit der Freundin. Die Idee, die man seit Jahren in einem Notizbuch mit sich herumträgt.

Irgendwann wird aus „später“ eine erstaunlich umfangreiche Sammlung.

Und dann kommt eine Lebensphase, in der tatsächlich wieder etwas Platz wäre. Die Kinder brauchen uns anders. Beruflich ist vielleicht nicht mehr alles gesetzt. Manche Beziehungen haben sich verändert, andere sind neu. Wir könnten einiges neu verteilen.

Was tun wir?

Wir machen eine Liste.

Zumindest ich habe großes Vertrauen in To-do-Listen. Auf Papier sieht selbst Überforderung aus wie etwas, das sich mit einem guten Stift bewältigen lässt.

Oben steht, was dringend ist. Darunter, was vernünftig wäre. Ganz unten, sofern die Seite reicht, das, worauf ich Lust hätte.

Dann wundere ich mich, dass ich dort so selten ankomme.

Natürlich kann man nicht jeden Nachmittag damit verbringen, herauszufinden, was die eigene Seele heute gern unternehmen würde. Es gibt Rechnungen, Verpflichtungen und Vorhaben, für die man sich entscheiden muss, wenn sie jemals Wirklichkeit werden sollen. Ich misstraue Ratschlägen, die finanzielle Unabhängigkeit behandeln, als ließe sie sich durch ein Schaumbad ersetzen.

Aber ich misstraue inzwischen auch einer Vernunft, bei der ich selbst regelmäßig als Erstes gestrichen werde.

Vielleicht ist die Frage gar nicht, wie viel wir schaffen. Vielleicht müssen wir genauer hinsehen, worauf wir verzichten.

Es gibt Dinge, nach deren Absage ich erleichtert aufatme. Und andere, bei denen ich mir einrede, dass es vernünftig war, während meine Stimmung den ganzen Abend etwas anderes behauptet.

Den Unterschied kenne ich eigentlich.

Ich merke ihn daran, wie ich nach Hause komme. Ob ich nur froh bin, einen weiteren Termin erledigt zu haben. Oder ob ich noch im Flur lächle. Ob ich nach einer Stunde auf die Uhr schaue und denke: Endlich. Oder: Schon?

Nicht alles, was uns guttut, muss deshalb zum Mittelpunkt unseres Lebens werden. Ein Tanzabend verlangt keinen Berufswechsel. Ein paar geschriebene Seiten brauchen noch keinen Verlagsvertrag. Man darf etwas ernst nehmen, ohne gleich einen Geschäftsplan dafür aufzustellen.

Vielleicht fällt uns genau das schwer: einer Sache Zeit zu geben, die ihre Daseinsberechtigung nicht mit Ergebnissen belegen kann.

Dabei verlangt niemand von einer Vase Tulpen, dass sie sich bis Freitag amortisiert.

Ich sah mir später mein Foto noch einmal an. Die Blüten waren scharf, das Licht war schön, der Rest verschwand in freundlicher Unkenntlichkeit.

So wollte ich meine Blumen fotografieren.

Mein Leben dürfte ruhig etwas mehr zeigen. Die Rechnung gehört dazu. Die Lesebrille inzwischen leider auch. Und irgendwo zwischen allem, was bezahlt, geplant und erledigt werden muss, möchte ich selbst noch vorkommen.

Für das nächste Foto rückte ich die Vase ein Stück zur Seite.

Dann passte mein Kaffee mit ins Bild.

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