DIE NACHRICHT, DIE SIE NIE SCHICKT

Sie hält das Handy in der Hand, den Daumen über der Aufnahme, und sagt nichts. Eigentlich wollte sie nur kurz:
Hey, ich hab an dich gedacht.
Vier Wörter, mehr nicht.

Sie hat sie schon im Kopf, sie müsste nur draufdrücken. Stattdessen legt sie das Telefon wieder weg, mit dem Display nach unten, als hätte sie etwas getan, für das man sich schämt.

Es gab eine Zeit, da brauchte es keine vier Wörter. Da rief man an, mitten am Tag, ohne Grund, und redete, bis einer von beiden das Essen anbrennen ließ. Da wusste die andere, welcher Chef gerade unmöglich war, welche Schuhe zurückgingen, wie es wirklich stand – nicht die Version für alle, die echte. Es gab kein Wie geht’s dir?, weil man es sowieso wusste.

Und jetzt sitzt sie hier und überlegt sich vier Wörter.

Niemand hat etwas falsch gemacht. Das ist das Verwirrende daran. Es gab keinen Streit, keine Tür, die geknallt hat, keinen Satz, den man nicht mehr zurücknehmen konnte. Es gab nur ein Kind, das krank wurde. Einen Umzug. Ein Projekt, das drei Monate fraß. Ein Wochenende, das nicht passte, und dann noch eins. Kalender, die sich nicht mehr überschnitten. Und irgendwann war aus dem täglichen Reden ein monatliches geworden. Aus dem monatlichen ein Alles gut bei euch? zum Geburtstag, mit einem Herz dahinter.

Man nennt das nicht Abschied. Man nennt es gar nicht. Es hat keinen Namen, weil es keinen Moment hatte.

Sie dreht das Handy wieder um. Der Daumen liegt auf dem Display. Und sie denkt, was man in solchen Momenten denkt: dass jetzt zu viel Zeit vergangen ist. Dass die andere sich fragen würde, warum ausgerechnet heute. Dass man erklären müsste, warum man sich so lange nicht gemeldet hat – und dass am Ende diese vier Wörter mehr Erklärung bräuchten, als sie wert sind.

Dabei sitzt auf der anderen Seite womöglich jemand mit genau demselben Gedanken. Dass zu viel Zeit vergangen ist. Dass man sich längst hätte melden müssen. Dass es jetzt irgendwie komisch wäre.

Und so wartet eine auf die andere, obwohl keine von beiden beschlossen hat zu gehen.

Das ist wohl die leiseste Art, einen Menschen zu verlieren. Nicht im Streit. Nicht mit einem Ende, das man betrauern kann. Sondern in all den kleinen Momenten, in denen beide dachten, die andere meldet sich schon.

Sie schaut noch einmal auf die vier Wörter:
Hey, ich hab an dich gedacht.

Dann legt sie das Handy weg.
Diesmal mit dem Display nach oben.

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