Bild mit KI gestaltet
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Wir sind fehlbar. Auch als Eltern und Kinder.
„Mama, du bist doch auch zum ersten Mal Mutter.“
Verdammt. Darauf hätte ich auch früher kommen können.
Ich war schließlich nicht mit einem Handbuch ausgestattet worden. Meine Kinder übrigens auch nicht.
Trotzdem gibt es kaum Beziehungen, in denen wir so selbstverständlich voneinander erwarten, längst zu wissen, was richtig ist, wie zwischen Eltern und Kindern.
Mütter sollen wissen, wann sie festhalten und wann sie loslassen müssen. Wann ein Nein richtig ist und wann ein Ja. Wann ein Kind uns braucht und wann es vor allem braucht, dass wir es in Ruhe lassen. Und natürlich sollen wir erkennen, wann aus einem Kind plötzlich ein erwachsener Mensch geworden ist, der immer noch unser Kind ist, aber bitte nicht mehr wie eines behandelt werden möchte.
Klingt machbar.
Ungefähr so lange, bis man Kinder hat.
Denn Mutter ist man nicht nur einmal zum ersten Mal. Wir sind zum ersten Mal Mutter eines Babys. Dann vielleicht Mutter von zwei Kindern, die beide dieselbe Mutter brauchen – aber nicht dasselbe von ihr.
Später sind wir zum ersten Mal Mutter eines Teenagers, eines Kindes, das auszieht, und irgendwann eines erwachsenen Menschen, der Entscheidungen trifft, die wir vielleicht anders treffen würden.
Und jedes Mal beginnt ein Teil der Rolle wieder von vorne.
Eigentlich ist das überall so. Wir sind zum ersten Mal 50. Zum ersten Mal geschieden. Zum ersten Mal allein. Zum ersten Mal die neue Partnerin eines Menschen, der längst eine Geschichte vor uns hatte. Zum ersten Mal müssen wir etwas loslassen, von dem wir dachten, es würde bleiben.
Und merkwürdigerweise erwarten wir voneinander trotzdem, dass wir längst wissen, wie es geht.
Vielleicht sind wir gerade mit den Menschen, die uns am nächsten stehen, deshalb manchmal so gnadenlos. Von Fremden erwarten wir wenig. Von Familie erstaunlich viel.
Eltern sollen keine Fehler machen, die uns prägen. Kinder sollen verstehen, dass wir es doch nur gut gemeint haben. Partner sollen wissen, was wir brauchen. Und wir selbst hätten rückblickend bitte gern immer die richtige Entscheidung getroffen.
Das Problem ist nur: So funktioniert ein erstes Mal selten.
Meine Kinder haben mir auf sehr unterschiedliche Weise etwas beigebracht, das ich als Mutter erstaunlich lange nicht verstanden habe. Sie brauchten keine perfekte Mutter.
Sie brauchten eine echte. Eine, die manchmal Ja sagt und manchmal Nein.
Eine, die zu viel festhält und an anderer Stelle vielleicht zu früh loslässt. Eine, die Fehler macht. Und hoffentlich irgendwann den Mut hat, sie anzusehen.
Der Satz meiner Tochter war deshalb einer der freundlichsten, die sie mir je über meine Fehler gesagt hat:
Du bist doch auch zum ersten Mal Mutter.
Er hat nichts entschuldigt. Aber er hat etwas erklärt. Und manchmal ist das der Anfang von Verzeihen.
Mein Sohn hat es nie so formuliert. Er hat mir etwas anderes gezeigt.
Dass man nach Streit wieder miteinander reden kann. Nach Brüchen neu anfangen. Dass Nähe manchmal nicht in einem großen Gespräch zurückkommt, sondern langsam – in einem Anruf, einem gemeinsamen Nachmittag. Und irgendwann vielleicht sogar wieder auf dem Tennisplatz.
Beziehungen sind nicht deshalb wertvoll, weil nie etwas zwischen uns zerbricht. Sondern weil wir einander manchmal verzeihen, wieder aufeinander zugehen und merken, dass nicht alles, was verletzt wurde, für immer verletzt bleiben muss.
Natürlich kann man nicht alles mit zum ersten Mal entschuldigen. Manche Verletzungen bleiben Verletzungen. Manches hätte man besser wissen können. Und manche Fehler verlangen mehr als Verständnis. Sie verlangen Verantwortung.
Aber vielleicht könnten wir uns trotzdem gelegentlich daran erinnern, dass die Menschen, von denen wir Perfektion verlangen, genauso improvisieren wie wir selbst.
Meine Tochter hatte also recht.
Ich war zum ersten Mal Mutter. Meine Kinder sind übrigens auch zum ersten Mal meine Kinder.
Vielleicht besteht Familie gar nicht darin, dass niemand etwas kaputt macht. Sondern darin, dass wir einander erlauben, gelegentlich keine Ahnung zu haben – und dass manches, was zwischen uns stand, mit der Zeit kleiner werden darf.
Vielleicht ist Verzeihen genau das: nicht zu vergessen, was war, sondern zu merken, dass es nicht für immer zwischen zwei Menschen stehen muss.
Schließlich machen wir sogar das zum ersten Mal.
